Rechtsanwaltskammer Celle
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Agenda 2020

Hier können Sie den vollständigen Wortlaut der Agenda downloaden
Hier finden Sie eine Zusammenfassung zu der ADR-Richtlinie als Download.


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#21
Kanzlei: RA Lutz Eberhardt16-11-2015 13:21:54

.... nur eins hilft noch: umschulen oder reich heiraten...

Der an sich ehrenwerte Beruf des Anwalts wird von vielen Seiten \"kaputt\" gemacht...

Nur ein Beispieil, die Justiz spart bei der Beratungshilfe..:
Für die Durchführung der außergerichtlichen Schuldenbereinigung im Sinne des § 305 InsO gibt es mittlerweile bei den meisten Gerichten keine Beratungshilfe mehr mit der Begründung: es gibt anderweitige Hilfsmöglichkeiten, nämlich \"kostenfreie\" Schuldnerberatungsstellen. Mithin greift die Justiz in den Anwaltsmarkt ein und lenkt die \"Kunden\" einseitig zu den Beratungsstellen. Dort übernehmen dann \"schnellgeschulte\" Mitarbeiter die Bearbeitung, häufig auch Sozialpädagogen etc. einschließlich der damit verbundenen Rechtsberatung.... Was macht die Anwaltskammer dagegen?? Seitens der Politik und der großen Lobby der Schuldnerberatungsstellen ändert man dies auch nicht. Der Gebührentatbestand besteht im RVG indes noch.... !
... Nur ein trauriges Beispiel von vielen.


#16
Kanzlei: Jan Klasmeier, Hannover26-02-2015 14:25:19

Den zur Diskussion gestellten Annahmen dürfte eine gewisse Grundlage oder auch Berechtigung nicht abzusprechen sein, soweit Rechtsanwälte des dort genannten Profils angesprochen werden: markt- und verdienstorientierte Kollegen mit hohem Kostendruck und hohen Erwartungen. Die Thesen haben bei mir aber auch den Eindruck hinterlassen, dass deren Verfasser einen allenthalben unzureichenden Eindruck von der Struktur einer Einzelanwaltskanzlei und deren Mandanten- und Mandatsprofil hat, wie auch von anderen kleineren Kanzleien (im folgenden spreche ich der Einfachheit nur von Einzelanwälten).
Die Agenda 2020 scheint zur Prämisse zu haben, dass der durchschnittliche Rechtsanwalt einen monatlichen Verdienst von 4.500,00 € haben sollte und muss, um sein berufliches wie privates Leben zu gestalten. Der Kanzleibetrieb eines Einzelanwalts lässt sich aber mit sehr überschaubarem Kostendruck führen, so dass Verdienste dieser Größenordnung weder für die beruflichen Ausgaben noch für die private Lebensführung benötigt werden. Wer die Marke unbedingt knacken möchte, mag sein Marktkonzept nach den hier aufgestellten oder anderen Thesen ausrichten, das kann aber keine Pflichtveranstaltung werden.
Damit kommt das ganze Konzept der Agenda 2020 für mich nicht mehr zum Zuge, und ich denke, das gilt für viele Einzelanwälte:
Die angeblich unrentabel gewordenen klassischen Rechtsgebiete lassen sich durchaus so gewinnbringend bearbeiten, dass sie nicht abgelehnt werden müssen.
Es besteht kein Druck, auf Honorarbasis zu arbeiten.
Es wird keine Spezialisierung benötigt, um sich am Markt zu positionieren.
Das hier diskutierte Konzept übersieht, dass die Strukturen beim Einzelanwalt wenig mit derjenigen von Kanzleien mit hoher Spezialisierung gemeinsam haben. Es geht in hohem Maße um die Betreuung eines Mandantenstamms im Sinne eines Hausarztes, wie ein Kollege treffend bemerkt hat. Es findet eine Negativauslese der Mandate in anderer Weise statt: Bei gesunder Selbsteinschätzung nimmt man keine Mandate auf Rechtsgebieten an, zu denen man keinen Zugang finde, Beispiel hier: das Arbeitsrecht. Aber man kann alle Mandate annehmen, die man lösen kann, und sei es auf abwegigen Rechtsgebieten, die eine vollständige Einarbeitung in die Gesetzesmaterie erfordern, bis man die wesentlichen Aspekte vollständig erfasst hat. Das lässt sich als Einzelanwalt besser leisten als in der großen Kanzlei mit wesentlich höherem Termindruck. Mit geringerem Kosten- und Termindruck kann man sich diese Zeit nehmen, auch wenn der Verdienst einmal in schlechtem Verhältnis zum Aufwand steht, was immer passieren kann und in der Gebührenordnung ein Stück weit verankert ist.
Eine Zwangsspezialisierung lehne ich ab. Sie würde meinen Interessen entgegen laufen. Ich möchte für sämtliche Anliegen meiner langjährig gewachsenen Mandantschaft zur Verfügung stehen und nach außen keinen anderen Eindruck repräsentieren.
Ich habe sehr viele langjährige Mandanten, zu denen ein enges Verhältnis entstanden ist. Mit der Weiterempfehlung an Dritte wird auch das entstandene Vertrauen weiter gegeben. Diese Mandanten bitten mich auch dann um meine Dienste, wenn das Internet - These 6 - Lösungen und Muster bereit hält. Es ist manchmal schon überraschend, dass die Mandanten selbst mit denjenigen Fragen anrufen, die sich durch einen Klick im Internet beantworten lassen, etwa ob eine weithin bekannt Abmahnfirma seriöse Verlangen stellt. Es wird nach meiner Erfahrung gerade kein Gebrauch von vorhandenen Mustern gemacht. Das dürfte auch damit zusammen hängen, dass das Internet eine Einzelfallbewertung nicht leisten kann. Meist ist schon der Input des Rechtssuchenden falsch. Grundsätzlich jedes Mal, wenn ein Mandant meint, er habe die Lösung schon im Internet gefunden, und er müsse sich nur noch der Richtigkeit vergewissern, liegt er falsch. Immerhin ruft er an, und das Mandat fällt somit auch nicht hinten runter. Die Personen, die ich als Mandanten habe und haben möchte, werden auch nicht zu einem günstigeren Anbieter wechseln, weil das Vertrauenselement dort nicht entsprechend ausgeprägt ist.
Ich überlasse es gern einem jeden selbst, wie er sich aufstellen möchte, erwarte umgekehrt aber auch den Respekt, mir dasselbe zu überlassen. Und dieser fromme Wunsch bezieht sich schlussendlich auch auf die Art und Weise, wie ich meiner durchaus erkannten Fortbildungspflicht genügen kann. Wo keinerlei Anlass besteht, sich zu spezialisieren, weil die üblichen Marktmechanismen keine bedeutende Rolle spielen, kann auch kein Interesse bestehen, sich auf beliebigen Gebieten fortzubilden. Die Rechtsanwaltskammern haben aufgrund ihres eigenen Seminarangebots durchaus ein Eigeninteresse an einer Ausweitung der Fortbildungspflicht, und ich kann mich in Zeiten augenscheinlich mangelnder Investitionsmöglichkeiten des Eindrucks nicht erwehren, dass die Thesen der Agenda 2020 zumindest auch diesem Interesse dienen sollen.
Dass Rechtsanwälte sich fortbilden müssen, kann nicht in Frage gestellt werden. Indes ist die Erkenntnissammlung schon rein praktisch kaum zu vermeiden. Wer die Beratung im Familienrecht überhaupt anbietet, kommt - ob als Fachanwalt oder nicht - an den Neuerungen schlicht nicht vorbei. Ein Weiteres tut die gewissenhafte Lektüre der Praktiker-Fachzeitschrift.
Vor allem wird die Qualität der Rechtsberatung aber dadurch gesichert, dass man sich die Zeit nimmt, das Problem zu behandeln. Wer unter Kostendruck diese Zeit nicht hat, mag Fachanwalt werden oder generell „Spezialist“ auf seine Fahne schreiben, und zeitsparend immer wieder dieselben Fallkonstellationen behandeln. Ihm wird im Zweifel auch die Teilnahme am Seminar - und darauf dürfte die verschärfte Fortbildungspflicht hinaus laufen - zu Nutzen kommen, weil die dort behandelten Problemstellungen in der Praxis immer wieder auftreten werden.
Ein Nicht-Fachanwalt kann einem Seminar oder sonst einer speziellen Fortbildungsmaßnahme nur ganz bedingten Nutzen abgewinnen. Im Zweifel wird man mit dem Seminarthema in nächster oder auch weiter Zukunft gar nicht konfrontiert. Der - um nur ein Beispiel zu nennen - (erfolgreichen) Vertretung wegen einer DDR-Opferrente nach Hamburgischen Verwaltungsanweisungen kann nicht durch ein Seminar vorgegriffen werden. Wenn das Seminarthema endlich als Akte auf dem Tisch liegt, muss überprüft werden, ob der Stand nicht schon wieder überholt ist.
Kurzum sollte die Kammer sich hüten, den von Herzen gern als solche praktizierenden Einzelkämpfern über Gebühr in deren Konzept hineinreden zu wollen, sie insbesondere mit Maßnahmen und Kosten zu belasten, die erklärtermaßen die Marktinteressen einer anders strukturierten Anwaltschaft dienen.




#15
Kanzlei: horak Rechtsanwälte12-12-2014 17:18:29

Zu These 6 \"EDV-gestützte Rechtsdienstleistungen\"

In vielen Standardfällen mag sich die Verwendung von EDV immer mehr durchsetzen; den \"Vertragsgenerator\" für einen Kaufvertrag eines gebrauchten KFZ, einen Mietvertrag von Haus&Grund oder auch in gewissem Umfang standardisierbare und automatiserbare Abläufe.

Tatsächliche individuelle Rechtsberatung kann das nicht ersetzen und oft sieht es von aussen anders aus, als es inner-\"betrieblich\" abgewickelt wird. So kann mit einem Onlineformular zur Scheidung zwar bereits die typischerweise benötigten Angaben abgefragt werden. Auch könnte dies technisch formal-geprüft erst einmal computergestützt in einen Scheidungsantragsschriftsatz eingesetzt werden. Allerdings muss spätestens an dieser Stelle und vor Abschicken des Schriftsatzes \"natürlich\" der Anwalt \"ganz normal\" die Angelegenheit prüfen. Tatsächlich lässt sich eine Scheidung eben nicht durch Ausfüllen eines Online Formulars umsetzen oder gar durchführen. Vielmehr dienen derartige Formulare in erster Linie der Mandatsanbahnung/ vereinfachten Kommunikation, weil die angesprochenen Verkehrskreise inzwischen daran gewöhnt sind, einen \"Verbindlich Kaufen\"-Button anzuklicken und verlässlich erhält der Käufer das gekaufte. Daher macht es nach meiner Erfahrung in der Tat Sinn, derartige Angebote vorzuhalten, auch wenn damit eine EDV-automatisierte Rechtsberatung in der Regel unmöglich ist.

MfkG Michael Horak


#14
Kanzlei: horak Rechtsanwälte12-12-2014 16:54:19

Zu einem Teil von These 2: \"Mehr IT-Recht\"

Diese These halte ich für falsch. Meine Kanzlei ist spezialisiert u.a. auch auf IT-Recht. Vor 15 Jahren hätte ich jene Teilthese gestützt. Inzwischen existieren jedoch unzählige junge Kollegen, die alle Computer-/Internet/IT-Umgang sehr gut beherrschen, grundlegende theoretische Kenntnisse schon aus Eigeninteresse mitbringen, so dass hier in vielen Bereichen des IT-Rechts längst ein gewisses Überangebot besteht.

Dies spiegelt sich beispielsweise auch in den Stellengesuchen online wie offline, z.B. der NJW wieder.

MfkG Michael Horak


#12
Kanzlei: janolaw AG23-10-2014 12:17:06

Liebe Kollegen,
zur These 6: Wir sind die Bösen.
Die janolaw AG bietet seit über 10 Jahren Rechtsdienstleistungen über das Internet an. Wir haben über 6000 Internet-Shopbetreiber als Kunden, die sich bei uns ihre AGB, Widerrufsbelehrungen, Datenschutzerklärungen usw. erstellen. Wir haben schon über 300.000 Verträge aus verschiedenen Rechtsgebieten online verkauft.
Wir bieten Anwälten über unser Autorenprojekt an, zusammen mit uns Vertragsassistenten zu erstellen und zu vertreiben, um sich so als Experten für ihr Fachgebiet zu präsentieren.
Sind wir die Bösen?
Ich würde mich freuen, dies mit Ihnen zu diskutieren.

Stefan Schiefer, Leiter der Rechtsabteilung
janolaw AG


#11
Kanzlei: Christoph H. Vaagt, München14-10-2014 12:01:25

Bravo zu diesen mutigen Thesen. Die RAK Celle war schon immer eine der modernsten in Deutschland. Leider gilt das ja nicht generell für Kammervertreter: vielmehr weicht deren Wahrnehmung massiv von der Wahrnehmung der Mitglieder ab, und zwar beschönigend. Hier nun einmal das Gegenteil, wie erfrischend. Generell: alle diese Trends sind seit Jahren bekannt, datenmäßig gut nachvollziehbar, und i nder Zukunft noch viel stärker sich verschärfend als jedes Szenario derzeit darstellt.
Die Rolle des Anwaltes wird es nicht mehr sein können, die Vergangenheit rechtlich aufzuarbeiten, sondern vielmehr die Mandanten in die Zukunft zu begleiten. Welche massiven Benachteiligungen durch alle großen Anbieter von Dienstleistungen es für Verbraucher gibt: angefangen mit den Übervorteilungen durch Telekommunikationsunternehmen, dem Betrug ähnliche Vorgänge bei Reisebuchen und Stornierungen, Banken und Versicherungen, die ihre Kunden übervorteilen etc. pp. Dabei ist es nicht der Einzelfall, der wirtschaftlich vertretbar zu übernehmen ist, sondern die Masse an Verstößen. Der Anwalt von morgen muss sich mit Big Data, EDV, Vertriebssystemen etc auskennen, um Mandanten zu schützen. Es gibt genug für Anwälte zu tun, nur halt nicht mehr in dem Klein-Klein von gestern.
Dabei ist die Selbsregulierung zunehmend ein Gefängnis geworden, aus dem die Anwälte gebannt auf dem Markt schauen, der sich gerade massiv verändert. Und die Mauern werden von den Standesvertretung nicht etwa geöffnet... hier wäre der Einsatz der Kammervertreter aus Celle ebenfalls sinnvoll.
MfkG aus München
RA Christoph H. Vaagt


#10
Kanzlei: Dr. Eckart Jakob25-09-2014 13:08:48

These 6 führt mich zu dem Gedanken, dass Anwaltszwang immerhin (noch) den Scheidungsantrag auf Internet-Formular verhindert.- Auffällig ist, dass sich der Discount-Anwalt in der Fußgängerzone ebenso wenig durchgesetzt hat wie - bisher - die Online-Kanzlei. Brauchen die Menschen vielleicht doch den persönlich bekannten, schnell ansprechbaren Anwalt vor der Haustür (wie den Hausarzt \"um die Ecke\")? Dann würde die These vom langsamen Tod des Feld-Wald-und-Wiesen-Anwalts, die die Agenda 2020 und ganz allgemein die Publikationen von RAK und DAV durchwirkt, vielleicht doch nicht stimmen. Ansonsten: Danke für die Denkanstöße. Das Projekt ist sehr sinnvoll!

RA Dr. Jakob, Langenhagen
www.rajakob.de


#8
Kanzlei: Rolf Schaefer19-09-2014 21:44:38

Zur 1. These
Die Anwaltschaft “verliert die klassischen Gebiete“. Rechtsgebiete gehören nicht der Anwaltschaft. Es geht bei anwaltlicher Tätigkeit um rechtliche Interessenvertretung im Einzelfall für eine Partei.
Es sind nicht alle Mandate, die verloren gehen. Das passiert auch nicht über Nacht. Es geht um einzelne Mandate und es geht um das individuelle Leistungsangebot des einzelnen Rechtsanwaltes für einzelne Parteien.
Nur wenn wir uns über die Struktur unserer täglichen Arbeit klar sind, können wir von unserer täglichen Arbeit auf übergeordnete Strukturen schließen. Wenn wir falsche übergeordnete Strukturen haben, werden wir davon nicht zu richtigen Entscheidungen im täglichen Arbeitsleben kommen.
Wenn Standardarbeiten mit algorithmisch gesteuerten Onlineangeboten zu erledigen sind, dann ist insoweit anwaltliche Tätigkeit nicht geboten oder kann von Rechtsanwälten auch auf diese Weise angeboten werden.
Der gute Anwalt muss Zweiter bleiben (Franzen, Anwaltskunst). Wo ist der Nutzen für den Mandanten? Welchen Anteil kann er seinem Rechtsanwalt abgeben? Lohnt sich das für Rechtsanwalt und Mandant? Wie machen andere das?
Im Versicherungsrecht hat es seit Jahrzehnten keine Anwaltsorganisation gestört, dass die wirtschaftlich und rechtlich überlegenen Versicherer spezialisierte Rechtsanwälte haben mit guten Beziehungen zu den Spezialkammern bei Landgerichten und Oberlandesgerichten. Die Anwaltsorganisationen haben sich auch nicht daran gestört, dass Rechtsanwälte sich nicht in gleicher Weise auf versicherungsrechtliche Mandate für Verbrauchern spezialisieren konnten.
Die Quersubventionierung funktioniert schon seit Jahren nicht. Es gibt das Streben nach Rechtsgebieten mit hohen Streitwerten. Bei hohen Streitwerten gewähren manche Anwälte gern Rabatt oder bearbeiten solche Mandate auf Stundenbasis. Auch das führt zu Problemen im Verhältnis von Mandant zu Rechtsanwalt (Wagner, Vorsicht Rechtsanwalt, Seite 239 ff).
Welcher Mandant will die Verfahren von anderen Mandanten \"subventionieren\"? Mandanten, die er gar nicht kennt. Wollten die Versicherungen jemals Kosten bei hohen Streitwert zahlen, damit \"ihr\" Anwalt auch die nicht kostendeckenden Verfahren für Verbraucher gegen (andere) Versicherer führt?
Wenn es nicht kostendeckende Mietrechtsfälle gibt (Nebenkosten) und lohnende (Räumung), dann werden die Fachanwälte für Mietrecht eine wirtschaftliche Basis für ihre Kanzlei und die von ihnen bearbeiteten Mandate finden können und müssen. Wenn sie jedoch bei Räumungen Rabatte gewähren sollten und bei Nebenkosten nicht kostendeckend arbeiten, wird der Markt regulieren. Wer als Rechtsanwalt nicht sieht, was er wirtschaftlich (sich) leistet, der kann mit der Freiheit eines freien Berufs nicht umgehen und den Beruf dann eben nicht mehr ausüben. Vor den Folgen von Freiheit sind Rechtsanwälte nicht zu schützen und auch nicht schutzwürdig.
Wohl aber vor den Folgen wirtschaftlicher Macht von Konzernen und Kartellen. Von deren Macht braucht jeder Bürger Schulz, neuerdings auch der Staat, demnächst eventuell sogar die EU (Stichwort TTIP).
Wenn wir Rechtsanwälte uns mit unserem Mandanten auf eine Stufe stellen (zu dem Dilemmata Identifikation und Differenz bei professioneller Tätigkeit siehe Buer, Live Coaching), dann werden wir unsere Mandanten verstehen und können uns angemessen für deren Interessen einsetzen. Die Interessenlage viele Mandanten ist häufig die gleiche Interessenlage, wie sie der Anwalt aus seinem eigenen Leben kennt.
Werden nicht deswegen die Urteile \"Im Namen des Volkes\" verkündet; steht nicht deshalb auf dem Gebäude des Deutschen Bundestages \"Dem deutschen Volk\"?
Was ist daran schlimm, wenn Rechtsanwälte zu \"Boutiquen\" werden, die ein oder zwei Rechtsgebiete konzentriert und (mehr als nur) kostendeckend bearbeiten?
Spezialisierung und Globalisierung hängen eng zusammen. Erst haben Unternehmen das Rechnungswesen outgesourced. Heute verlagern Unternehmen, die dieses Rechnungswesen übernommen haben, die Arbeit nach Vietnam. Morgen kauft der Kunde nur noch elektronisch, was im Rechnungswesen automatisch verarbeitet werden kann. Arbeit hat aufgehört, die Sache derer zu sein, die sie tun. Ihr \'Wie\' und \'Wozu\' bestimmen die Naturwissenschaft, die Ökonomie, die Technik und die Bürokratie (Gronemeyer, Wer arbeitet, sündigt ... Ein Plädoyer für gute Arbeit, Seite 164).
Und übermorgen: Desertion (aaO, Seite 169 ff).
Vertrauen ist die Basis zwischen Anwalt und Mandant. \"Gut mit Gut\", wie ein pensionierter Handelsrichter bei einer Fortbildung im Gesellschaftsrecht die Grundlage im Handels- und Gesellschaftsrecht beschrieb. Und \"Schlecht mit Schlecht\" führte er weiter aus. Dazwischen kann sich jeder Anwalt entscheiden. Wer bin ich und wen will ich vertreten? Mandanten merken, wer man ist und wie man arbeitet.
\"Wenn wir – und sei es in kritischer Absicht – die Totalität des Systems beschwören, sind wir ihm genauso verfallen, als wenn wir uns willig dareinfügen\" (aaO, Seite 171).


#7
Kanzlei: Dr. Salfer & Partner, Syke12-09-2014 19:16:49

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

mit großem Interesse habe ich die Agenda 2020 gelesen. In weiten Teilen stimme ich den Thesen zu und hoffe, dass die Anwaltschaft den Mut findet, von sich aus auf die dargestellten Veränderungen zu reagieren. Dazu gehört m. E. auch, dass sich die Kammern und Vereine aktiv darum bemühen, die notwendigen Strukturänderungen in Angriff zu nehmen und nicht nur abzuwarten, bis mal wieder ein Gericht eine Bestimmung aufhebt, an der bis zu letzt verbissen festgehalten worden ist.

Ganz wichtig erscheint uns die These 3 zum RVG. Die enorme Erhöhung der Gerichtskosten durch das GNotKG erhöht den Druck auf die Anwälte, ihrerseits den Mandanten \"entgegenzukommen\" und angemessene HOVs anbieten. Das wiederum aber ist nicht immer zulässig. Folge: Mehr finanziell überforderte Mandanten, weniger Mandate. In diesem Zusammenhang würden wir Ihre These 3 wie folgt ergänzen:

Die Wirtschaft erteilt nicht nur Beratungsaufträge an hoch spezialisierte Rechtsanwälte für etliche hundert Euro je Stunde. Sie hat vielmehr auch unzählige Aufträge in weniger anspruchsvollen Rechtsgebieten zu vergeben, für die auch \"normale\" Anwaltskanzleien geeignet sind. Solche Aufträge, zumal wenn es sich um Mengenaufträge handelt wie z. B. im Bereich des Vertragsmanagements, werden aber in der Regel nur gegen HOVs herausgegeben, die an die Vergütungen des RVG nicht heranreichen. In der Forderungsdurchsetzung verlangt die Wirtschaft zudem Erfolgshonorare, die Anwälte immer noch nicht pauschal anbieten dürfen. In der Folge gehen z. B. die Aufträge im Bereich Forderungsdurchsetzung an Inkassobüros, die zwar weniger qualifiziert und zu weniger Maßnahmen befugt sind als Rechtsanwälte, aber eben mit niedrigen Pauschalen und Erfolgshonoraren auf dem Markt sind und somit geschätzt 90% der Mengenverfahren bekommen. Es fragt sich, warum Rechtsanwäkte weniger Befugnisse und weniger Chancen auf Aufträge haben sollen als Inkassobüros.

Rechtsschutzversicherungen und KFZ-Haftpflichtversicherungen suchen verständlicherweise nach konstengünstigen Lösungen. Je höher die Vergütung nach dem RVG wird, desto mehr richten sich die Versicherer auf andere Wege aus.

Es ist nicht mehr zeitgerecht, dass Rechtsanwälte ihre Leistungen im Hinblick teurer und unflexibler verkaufen müssen als andere Anbieter von RDLs.

Unsere These: Rechtsanwälte dürfen nicht gegenüber anderen RDLs bei der Gewinnung von Mandanten durch das überholte RVG benachteiligt werden.

Freundliche kollegiale Grüße

Dr. Andreas Salfer
Rechtsanwalt in Syke


#6
Kanzlei: Kanzlei für Arbeitsrecht Rolf Schaefer11-09-2014 21:19:19

Sehr geehrte Damen und Herren,

bei der Lektüre Ihrer Agenda 2020 fielen mir einige Widersprüche auf!
Der gravierendste jedoch war, dass sich die Gerichtskosten doch wohl grundsätzlich nach dem GKG, nicht dem GNotKG richten!!!

Ich denke, Sie sollten dies schnellst möglich korrigieren. und ggf. prüfen, ob sich bei zugrundelegen des GKG diese These noch halten lässt. Immerhin scheint eine erste Überprüfung ergeben zu haben, das 2.5 Gebühren nach RVG immer mehr sind als 3 nach GKG.

Malte Schaefer
Referendar


#5
Kanzlei: Rolf Schaefer11-09-2014 20:48:26

Es wird von mir bedauert, dass die Mehrheit des Kammervorstands, die diese Thesen verabschiedet hat, sich vor dem Veröffentlichen nicht an mich gewandt hat.
Mit der Angst vor dem Wandel beschäftigt sich das Buch von Riemann, Grundformen der Angst, auf wissenschaftlicher Basis.
Das Beispiel eines Kündigungsschutzverfahrens rechnet sich für Mandant und Anwalt regelmäßig schon nach sechs Monaten Betriebszugehörigkeit im Zeitpunkt des Zugangs der Kündigungserklärung bei üblichen Abfindungen. Schade, dass der Kammervorstand nicht seine Mitglieder fragt, bevor er solche Thesen an die Öffentlichkeit gibt!
War nicht ein Slogan der Anwaltschaft, dass die Bürger jemanden bei Problemen fragen sollten, der sich damit auskennt?
Ich kann Ihnen die Fehler in den Thesen rational erklären. Wenn die Mehrheit gerade Angst hat, ist diese Emotion von mir hier nicht zu verändern.
Im ersten Semester habe ich gelernt: gute Juristen sind immer gesucht! Ich weise aus berufsrechtlichen Gründen hier darauf hin, dass ich mich nicht zu den guten Juristen zähle. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass die Mehrheit der Vorstandsmitglieder unserer Rechtsanwaltskammer gute Juristen sind. Also: keine Angst vor der Zukunft und die eigene Qualifikation weiter erhöhen.
Wirtschaftlich zutreffende Szenarien aufzuzeigen und die richtigen politischen Prognosen zu treffen, gehört nach meiner Kenntnis nicht zur anwaltlichen Ausbildung.
Wenn ich die männliche Form benutze, meine ich damit Frauen und Männer gleichermaßen.


 

 
 
 
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